Abschottung ist keine Lösung

Am 27. September stimmt die Schweiz über die Kündigungsinitiative ab. Die SVP will die Personenfreizügigkeit kündigen. Tatsächlich geht es aber nicht nur um die Zuwanderung, sondern um die bilateralen Verträge insgesamt. Im Interview warnt Dr. Luc Schultheiss vor dem Bruch mit der EU. Als CFO der Endress+Hauser Gruppe weiss er: Für viele Unternehmen sind die bilateralen Verträge unverzichtbar.

In der Corona-Krise wurden Forderungen laut, die Schweiz solle sich auf sich selber besinnen. Warum setzen Sie sich für eine hohe Vernetzung mit der EU ein?

Schultheiss: Abschottung ist keine Lösung für die exportstarke Schweizer Industrie. Unser Heimmarkt ist schlicht zu klein, um den Fortbestand aller Betriebe und der Arbeitsplätze zu sichern. Nach Corona und der sich abzeichnenden Wirtschaftskrise wäre die Kündigung der bilateralen Verträge eine sehr schlechte Option. Mehr denn je sind wir auf stabile und funktionierende Handelsbeziehungen angewiesen. Doch genau diese setzt die Initiative leichtfertig aufs Spiel. Ein Bruch mit der EU würde deshalb zahllose Arbeitsplätze gefährden. Alleine in der MEM-Industrie – also der Maschinen-, Elektro- und Metall-Industrie – hängt hierzulande jeder dritte Arbeitsplatz direkt von Aufträgen aus der EU ab. Wir sprechen konkret von 142'000 Stellen! Aber es geht um mehr. Viele weitere Unternehmen profitieren indirekt von einer starken MEM-Industrie. Ausserdem ermöglicht das Volumen im Geschäft mit der EU Skaleneffekte. Sollten diese kleiner werden, ist das in allen Märkten ein Nachteil.

Endress+Hauser ist ein weltweit führender Anbieter von Messgeräten und Lösungen für die industrielle Verfahrenstechnik. Bestimmt wird die EU Ihre Produkte auch ohne bilaterale Verträge nachfragen. Welche Konsequenzen fürchten Sie tatsächlich?

Schultheiss: Damit unsere Produkte und Dienstleistungen für Kundinnen und Kunden aus der EU attraktiv bleiben, sind wir auf gleich lange Spiesse wie die Konkurrenz aus dem Ausland angewiesen. Fallen die bilateralen Verträge weg, erleiden wir einen gewaltigen Wettbewerbsnachteil. Zum Beispiel müssten wir unsere Produkte und Dienstleistungen extra noch einmal zertifizieren lassen, damit wir diese in der EU vermarkten und verkaufen dürften. Das würde viel Zeit und Geld kosten und die Produktion in der Schweiz verteuern, ohne dass ein Mehrwert entsteht. So geht es nicht nur uns. 88 Prozent der MEM-Unternehmen bezeichnen die bilateralen Verträge auch aus diesen Gründen als unverzichtbar.


Wieso soll die Stimmbevölkerung die Initiative ablehnen?

Schultheiss: Der bilaterale Weg ist eine Erfolgsgeschichte. Er erlaubt es der Schweiz, ihre Eigenständigkeit zu bewahren und der EU als Partnerin auf Augenhöhe zu begegnen. Die Schweiz profitiert in vielfältiger Weise von den guten Beziehungen zu Europa. Die Bilateralen garantieren stabile sowie berechenbare Rahmenbedingungen für die Wirtschaft und bedeuten deshalb Planungssicherheit. Sie verschaffen hiesigen Unternehmen einen beinahe hindernisfreien Zugang zum europäischen Binnenmarkt. Und sie erlauben die Teilnahme der Schweiz an gemeinsamen Forschungsprojekten. All das dürfen wir auf keinen Fall gefährden!

wirtschaftskomitee.ch

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